Bei niedrigen Rheinpegeln können Frachtschiffe weniger laden und Unternehmen müssen mitunter ihre Produktion drosseln. Höhere Kosten und geringere Erlöse schwächen Cashflows und können die Bonität belasten. Für Kreditinvestoren reicht eine Streuung nach Ländern und Branchen deshalb nicht aus.
Mitte August sank der Pegelstand bei Kaub zeitweise auf sechs Zentimeter und erreichte einen neuen Tiefststand. Schon am 6. August hatte Prognos in einer Modellrechnung für das Handelsblatt beziffert, welche Folgen anhaltendes Niedrigwasser für die Industrie am Rhein haben könnte. Die Einbußen beim Produktionswert könnten sich demnach auf 912,8 Millionen Euro summieren. Rund 425 Millionen Euro würden auf die Chemieindustrie entfallen, 206 Millionen Euro auf Mineralölverarbeitung und Raffinerien.
Niedrigwasser trifft mehr als die Logistikk
Für Anleger ist das mehr als ein Logistikproblem. Kann ein Betrieb nicht ausreichend Wasser für Bewässerung, Kühlung oder Produktion nutzen, kann er weniger herstellen. Ist ein Fluss als Transportweg nur eingeschränkt befahrbar, können Schiffe weniger laden. Transporte verteuern sich, Rohstoffe treffen später ein. Selbst Unternehmen mit geringem eigenem Wasserverbrauch spüren die Folgen, wenn Lieferanten weniger liefern oder Kunden weniger bestellen. In allen Fällen steigen Kosten oder Erlöse gehen zurück. Das schmälert Margen und Cashflows. Bleibt dadurch weniger Geld für Zins und Tilgung, kann sich die Bonität verschlechtern.
Verdeckte Konzentrationsrisiken im Portfolio
Für Kreditinvestoren rückt damit das gesamte Portfolio in den Blick. Ein Chemieunternehmen am Rhein, ein Lebensmittelhersteller und ein landwirtschaftlicher Betrieb haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam. Sind ihre Standorte oder Lieferketten jedoch vom selben Flusssystem abhängig oder liegen die Unternehmen in derselben von Trockenheit betroffenen Region, kann derselbe Wassermangel alle drei treffen. Ihre Cashflows geraten dann gleichzeitig unter Druck. Das erhöht das Konzentrationsrisiko, obwohl die Kreditnehmer unterschiedlichen Branchen angehören. Ein Portfolio kann nach Schuldnern, Branchen und Ländern breit gestreut sein und trotzdem von demselben physischen Risikofaktor abhängen. Diversifikation hat auch eine Geografie.
Regionale Risiken verschwinden im Durchschnitt
Eine Untersuchung der Europäischen Zentralbank zeigt, wie stark die räumliche Auflösung die Risikoeinschätzung verändert: In einem modellierten 100-Jahres-Dürreszenario galten auf Länderebene rund neun Prozent der Wirtschaftsleistung des Euroraums als potenziell durch Oberflächenwasserknappheit gefährdet, mit höher aufgelösten Daten dagegen etwa 24 Prozent. Nationale Durchschnittswerte können regionale Risikozentren also verdecken; wegen bestehender Datenlücken sind die Werte jedoch keine Verlustprognose. Auf Basis von AnaCredit-Daten vom Dezember 2022 über rund 4,4 Billionen Euro ermittelte die EZB zudem, dass mehr als 19 Prozent der betrachteten Bankkredite gegenüber Oberflächenwasserknappheit exponiert waren; unter Berücksichtigung von Grundwasserknappheit lag der Anteil bei rund 22 Prozent. Die auf Sektoren und Länder bezogenen Werte sind nicht addierbar und sagen keine Ausfälle voraus. Sie zeigen vielmehr, welcher Teil eines Portfolios von demselben Wasserschock betroffen sein könnte.
Wasser gehört in die Kreditanalyse
Für die Kreditpraxis heißt das nicht, dass jeder Schuldner eine eigene hydrologische Untersuchung benötigt. Entscheidend ist, ob Wasser die Produktion, den Transport oder die Lieferkette spürbar beeinflusst. Ist das der Fall, muss diese Abhängigkeit in die Annahmen zu Umsatz, Kosten und Cashflow einfließen. Ein Eintrag im ESG-Reporting allein sagt noch nichts darüber aus, wie sich ein Wasserschock auf den Schuldendienst auswirkt.
Kreditinvestoren benötigen dafür Angaben zum Standort, zu den genutzten Wasserquellen und Transportwegen sowie zur Anfälligkeit der Lieferkette. Sie müssen außerdem wissen, welche Alternativen dem Unternehmen zur Verfügung stehen und mit welchen Investitionen es seine Abhängigkeit verringern kann. Fehlen diese Informationen, bleiben Verbindungen zwischen mehreren Kreditnehmern unsichtbar. Das Portfolio erscheint dann stärker diversifiziert, als es tatsächlich ist.
Vom Anpassungsbedarf zur passenden Finanzierung
Unternehmen können ihre Verwundbarkeit senken, wenn sie in effizientere Bewässerung, Speicher, Maschinen oder neue Produktionsverfahren investieren. Dafür benötigen sie Kapital. Gerade kleinere Betriebe können solche Ausgaben oft nicht vollständig aus eigenen Mitteln finanzieren. Finanzierungsbedarf ist jedoch nicht automatisch investierbar. Aus einem sinnvollen Vorhaben wird erst dann ein tragfähiger Kredit, wenn die Maßnahme den Cashflow stabilisiert und Laufzeit, Tilgung sowie Bepreisung zu diesem Cashflow passen. Andernfalls kann die Finanzierung die Liquidität gerade in der Anpassungsphase zusätzlich belasten.
Und selbstredend macht diese Problematik nicht an den EU-Außengrenzen halt, sondern betrifft auch Nachbarschaftsregionen wie Osteuropa, Kaukasus oder Zentralasien.
Bei kleineren Unternehmen gelangt das Kapital häufig über lokale Kredit- und Leasinggesellschaften in den Betrieb. Ihre Nähe zu den Unternehmen kann helfen, Geschäftsmodell, Mittelverwendung und saisonale Cashflows genauer einzuschätzen. Für Anleger kommt dadurch allerdings eine weitere Ebene hinzu. Fließt das Kapital über einen lokalen Partner, hängt das Ergebnis nicht allein von den einzelnen Endkrediten ab. Ebenso wichtig ist, wie sorgfältig der Partner Kredite vergibt, wie verlässlich seine Daten sind, wie er sich refinanziert und wie er Risiken steuert.
Ökologische und wirtschaftliche Folgen getrennt bewerten
Auch der Verwendungszweck einer Finanzierung allein sagt noch wenig über ihre Wirkung aus. Eine effizientere Bewässerungsanlage kann den Wasserverbrauch je Produktionseinheit senken. Wird anschließend mehr Fläche bewässert, kann der Gesamtverbrauch trotzdem steigen. Zugleich kann dieselbe Anlage Erträge stabilisieren und damit die Rückzahlungsfähigkeit des Betriebs verbessern. Umweltwirkung und Kreditwirkung können daher auseinanderfallen. Für Anleger zählen beide: die tatsächliche Entwicklung des Wasserverbrauchs und die Wirkung der Investition auf Erträge, Cashflow und Schuldendienst.
Die niedrigen Rheinpegel machen sichtbar, was eine Streuung nach Ländern und Branchen allein nicht erfasst: Mehrere Schuldner können vom selben Flusssystem, derselben Region oder derselben Lieferkette abhängen. Werden diese Verbindungen sichtbar, lässt sich besser abschätzen, welche Kredite in einer Trockenphase gleichzeitig unter Druck geraten. Erst dann kann ein Investor beurteilen, wie belastbar die Diversifikation ist und ob die Rendite das verbleibende Risiko angemessen vergütet.
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Über MK Global Kapital
MK Global Kapital S.à r.l. mit Sitz in Luxemburg strukturiert und verwaltet Finanzierungs- und Investmentlösungen mit Fokus auf Schwellen- und Frontier-Märkte. Das Unternehmen ist die Managementgesellschaft des Luxemburger Verbriefungsfonds ALTERNATIVE. Dessen Portfolio verbindet professionelle Anleger über Anleihen mit Finanzierungen für Mikro-, kleine und mittlere Unternehmen in ausgewählten Märkten Europas, des Kaukasus und Zentralasiens. Weitere Informationen unter mkglobalkapital.com.
Über Dr. Johannes Feist
Dr. Johannes Feist ist CEO von MK Global Kapital. Zuvor war er in verschiedenen leitenden Funktionen bei der KfW tätig. Er verfügt über langjährige Erfahrung in Entwicklungsfinanzierung, Fonds- und Kreditstrukturen sowie in der Zusammenarbeit mit Finanzinstitutionen in Schwellen- und Frontier-Märkten.
Gastautor: Dr. Johannes Feist, CEO von MK Global Kapital