Von Zoltan Koch, Leiter Aktienmanagement der Warburg Invest
Europa genießt in der Wirtschaftswelt nicht den allerbesten Ruf. Der „alte Kontinent“ wird im Vergleich zu den USA und Asien oft als zu bürokratisch und behäbig wahrgenommen. Industrieunternehmen, das Rückgrat der europäischen Wirtschaft, drohen angesichts hoher Energiepreise und Konkurrenz abzuwandern oder gar ihre Türen für immer zu schließen. Und im internationalen Wettbewerb um die künstliche Intelligenz ist Europa eher Zuschauer als Gestalter. Doch bei genauerem Hinsehen täuscht dieser Eindruck oft und versperrt die Sicht auf innovative Unternehmen – gerade eben auch, wenn es um Nachhaltigkeit geht.
Für einen aktiven Investor bieten sich in Europa viele attraktive Chancen. Neben einem stabilen politischen Umfeld, das wesentlich durch die EU geprägt wird, verfügt Europa über viele innovative und nachhaltige Unternehmen. Europäische Aktien sind günstiger bewertet und handeln mit einem Abschlag von 25 bis 30 % im Vergleich zu US-Aktien. Im Schnitt zahlen europäische Unternehmen 2 % mehr Dividende an ihre Anleger aus als Unternehmen aus Übersee. Dieser stärkere Value-Charakter ist gerade in Zeiten höherer Inflation und Zinsen vorteilhaft, da der Cash-Flow dann immer wichtiger wird.
EU als regulatorisches Vorbild
Einige Europäer neigen dazu, den regulatorischen Eifer der EU zu kritisieren. Doch dabei übersehen sie, dass die Gesetzgebung der Europäischen Union international als wichtiger Impulsgeber und aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Bedeutung der EU mit einem 450 Millionen-Einwohner-Markt als gewichtig erachtet wird. Das Setzen von wirtschaftspolitischen Leitplanken durch die Regulatorik der EU wird weltweit genauestens verfolgt und oft adaptiert. Dadurch hat Europa einen deutlich größeren Einfluss auf die Welt, als es sich selbst eingestehen will. Das wird innerhalb Europas oft übersehen. Ein Beispiel ist der European Green Deal der EU, mit dem die EU ihre Mitgliedsstaaten dazu verpflichtet hat, bis 2050 klimaneutral zu werden und damit die Ziele aus dem Pariser Klimaschutzabkommen umzusetzen. Mittlerweile sind viele andere Länder wie China oder Japan diesem Beispiel gefolgt und haben Gesetzesprogramme verabschiedet, um Klimaneutralität in den nächsten Jahrzehnten zu erreichen.
Die Investitionen der EU und nationale Initiativen wie das in Deutschland im vergangenen Jahr verabschiedete milliardenschwere Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität liefern wichtige Stimuli für die europäische Wirtschaft. Die zukünftigen Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung helfen den europäischen Unternehmen, endlich die „Flaute“ der letzten Jahre zu überwinden. Obwohl die Investitionen in Rüstung aus Sicht eines nachhaltig orientierten Investors nicht zu begrüßen sind, entfalten diese auch eine positive Wirkung auf Unternehmen, die nicht in diesem Sektor tätig sind. Dazu gehören paradoxerweise auch Unternehmen, die die Nachhaltigkeit vorantreiben, wie Unternehmen, die die Elektrifizierung in Europa fördern – man denke dabei etwa an klassische Unternehmen wie Siemens, ABB, sowie deren Zulieferer.
Rückenwind für europäische Aktien an den Märkten
In den vergangenen Jahren haben US-Aktien gut performt, die Anleger waren überdurchschnittlich in den USA investiert. Dieser Trend wurde letztes Jahr gebrochen. Die komplett negative Einstellung der US-Administration gegenüber ausländischen Partnern, Mitarbeitern und Unternehmen und das unberechenbare Verhalten von US-Präsident Trump haben viele Anleger verunsichert und zur Suche nach alternativen Investitionsmöglichkeiten motiviert. Besonders nach dem „Liberation Day“ am 2.April 2025, dem Tag, als US-Präsident Trump Zölle auf zahlreiche Handelspartner verkündete, beschleunigte sich der Abfluss aus US-Fonds. Andere Märkte wie Europa, Japan oder die Emerging Markets haben davon profitiert und höhere Zuflüsse erhalten. Laut Morningstar verzeichneten in Euro domizilierte US-Fonds zwischen dem 1. April und dem 31. Mai 2025 lediglich Zuflüsse in Höhe von 274 Mio. Euro. Europäische Fonds wiesen dagegen im gleichen Zeitraum rekordhohe Zuflüsse in Höhe von mehr als 22 Mrd. Euro auf. Auch im Hinblick auf die Performance schnitten andere Regionen besser ab als die USA: Während der S&P 500 im Jahr 2025 um rd. 16 % zulegte, wies etwa der Nikkei 225 einen Zuwachs um 26 % auf. Der MSCI Emerging Markets-Index konnte sogar um 36 % zulegen. Auch in diesem Jahr setzt sich der Trend zur globalen Diversifizierung über Investments am europäischen, japanischen oder Schwellenländer-Aktienmärkten fort.
Ein weiteres Symptom für die schwindende Beliebtheit US-amerikanischer Aktien ist die US-Dollar-Schwäche. Im vergangenen Jahr ging der Wert des US-Dollars gegenüber dem Euro um rd. 12 % zurück, der stärkste Rückgang seit über einem Jahrzehnt. Besonders bemerkenswert ist, dass der USD sich in diesem Jahr nicht wesentlich gegen den EUR stärken konnte, was in Risk-Off-Szenarien wie gegenwärtig vor dem Hintergrund des Iran-Kriegs meistens passiert. Für weiteres Kopfzerbrechen unter Anlegern sorgt die schwindelerregende Staatsverschuldung der USA, die sich mittlerweile auf rd. 40 Billionen US-Dollar beläuft und rund 124 Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts ausmacht und ausländische Finanzierung benötigt.
Ausblick auf die europäischen Märkte
Großer Gewinner der verschärften geopolitischen Lage ist aktuell der Energiesektor. Die Energiekrise mit einem fragilen Zugang zu Öl und Gas spielt mittelfristig aber einer anderen Branche in die Hände: Tatsächlich sind es die erneuerbaren Energien, die von der sich veränderten Weltordnung profitieren können. Auch wenn die US-Bürger unter den gestiegenen Benzinpreisen ächzen, ist die USA noch immer der weltweit größte Ölproduzent. Europa hingegen ist auf den Import von Öl und Gas angewiesen. Die damit einhergehenden deutlich gestiegenen Energiepreise für fossile Energieträger belasten die europäische Wirtschaft. Aber gleichzeitig liefert der Krieg den Anstoß, erneuerbare Energien in höherem Tempo auszubauen. Das unterstützt Aktien aus dem Bereich der erneuerbaren Energien, die in den letzten Jahren ein Rerating an den Märkten durchlaufen und sich deutlich verbilligt haben. Die Krisen und Kriege der letzten Jahre zeigen eindrücklich, dass Europa unabhängige, lokale Energiequellen braucht. Dafür kommen die nachhaltigen Energiequellen Wind, Photovoltaik – aber auch Energiespeicherung – auf jeden Fall in Frage. Hier ist Europa in der westlichen Welt führend und kann deutlich profitieren. Wir haben in unserem Portfolio deshalb wichtige Player, die von der Energiewende profitieren, wie Vestas oder Orsted.
Für die Aufstellung unseres Portfolios ziehen wir aktuell zwei Szenarien in Betracht:
1.) Der Krieg dauert länger an, die Öl- und Energiepreise bleiben hoch. Das ist nicht unser Basisszenario, wird aber über die Zeit immer wahrscheinlicher. In diesem Fall müssen wir in Erzeuger für erneuerbare Energien und in Elektrifizierung weiter investieren. Darüber hinaus führt dieses Szenario zu einer defensiven Aufstellung des Portfolios mit resilienten Unternehmen aus dem Pharmabereich wie beispielsweise Novartis und Novo Nordisk. Als durchaus robust in solchen kritischen Marktphasen erwiesen sich in der Vergangenheit auch Lebensmittelhersteller, wie Nestlé S.A. und Danone.
2.) Der Konflikt wird in den nächsten Wochen gelöst, die Situation am Energiemarkt entspannt sich. In diesem Fall rücken Unternehmen in den Fokus, die wegen der hohen Energiekosten unter Druck geraten sind sowie zyklische Konsumtitel. Zu den Verlierern seit Ausbruch des Iran-Konflikts mit einem hohen Nachholpotential würden in diesem Fall Aktien im Reisesektor zählen, die zweistellig nachgaben oder auch Autohersteller, die sich bis zu 17 Prozent verbilligten.
Die nächsten Wochen werden hoffentlich Klarheit bringen.