Herausgeber: Publicis Sapient
Künstliche Intelligenz in der Finanzindustrie
Zusammenfassung:
Das Technologieunternehmen Publicis Sapient hat in Kooperation mit ThoughtLab Research 500 leitende Führungskräfte aus der globalen Finanzindustrie, inklusive Deutschland, zum Thema KI befragt. Ziel war es herauszufinden, wie künstliche Intelligenz die Branche transformiert und welche Strategien zum Erfolg führen.
Prof. Dr. Alexander Schroff, Financial Services Lead DACH beim Beratungshaus Publicis Sapient meint, dass die größten Hürden für deutsche Vermögensverwalter und Banken bei der KI-Implementierung „weniger technologischer, sondern vor allem organisatorischer und regulatorischer Natur. Besonders die fragmentierten Datensysteme aus jahrzehntelangen IT-Landschaften sowie die konservativen Unternehmenskulturen bremsen die Transformation.“
Die wichtigsten Ergebnisse lassen sich in vier Unterpunkten zusammenfassen:
1) KI wird zur geschäftskritischen Priorität
- 73 % der Befragten stimmen zu: Die KI-Revolution in der Vermögens- und Fondsverwaltung hat begonnen
- 64 % sehen KI als entscheidend für die Zukunft ihres Geschäfts
- 63 % erwarten, dass KI die Interaktion mit Kunden grundlegend verbessert
- 62 % glauben, dass KI das Portfolio-Management revolutionieren wird
2) Große Kluft beim Return on Investment
Trotz hoher Erwartungen kämpfen viele Unternehmen mit der Umsetzung:
- Fast 80% der Unternehmen kämpfen mit der Rentabilität ihrer KI-Investitionen: Über zwei Drittel sehen nur bescheidene Renditen unter 7%
- 12 % sehen keine oder sogar negative Renditen
- Die durchschnittliche Amortisationszeit für KI-Projekte beträgt 22 Monate
- 30 % der Firmen nennen unklaren ROI als große Herausforderung
3) Was hält Unternehmen zurück?
Die Studie identifiziert vier Hauptbarrieren:
- Konservative Unternehmenskultur und Widerstand gegen Veränderungen (55 %)
- Unzureichende Datenqualität und fragmentierte Datensätze (51 %)
- Mangel an KI-Talenten und fehlende Fähigkeiten (45 %)
- Unzureichende Systemintegration und veraltete IT-Infrastruktur (39 %)
- Regulatorische Unsicherheit: 31 % nennen fehlende regulatorische Klarheit als große Hürde
4) Die Erfolgsformel der KI-Vorreiter
Die Studie kategorisiert Unternehmen in drei Reifegrade: 23 % sind „Starter“, 56 % „Advancer“ und 21 % „Leader“. Die Vorreiter unterscheiden sich durch:
- Höhere ROI: Leader erzielen durchschnittlich 4,7 % Rendite vs. 3,1 % bei anderen
- Strategischer KI-Einsatz: 78 % haben eine KI-Innovationskultur etabliert, 77 % verfügen über eine effektive KI-Strategie
- Modernisierte IT-Plattformen: 87 % der Leader setzen auf Cloud-basierte Infrastruktur
- Effizientes Investment: Leaders nutzen verstärkt SaaS-Lösungen (43 % vs. 28 % bei anderen)
- Umfassende Governance: 81 % haben KI-Governance-Frameworks implementiert
5) Generative und Agentische KI: Die nächste Welle
In den kommenden drei Jahren planen Unternehmen massive Investitionen in fortgeschrittene KI-Technologien:
- Die GenAI-Nutzung der Leader wird von 41 % auf 75 % steigen
- Agentische KI – autonome KI-Systeme, die komplexe Aufgaben eigenständig ausführen – gewinnt stark an Bedeutung
- Multimodale KI und Explainable AI werden sich mehr als verdoppeln
Die Studie identifiziert zudem 5 BEST PRACTICES DER AI-LEADER:
- Vision und Kultur schaffen: Entwicklung einer unternehmensweiten KI-Vision mit klaren Zielen und Metriken
- KI-fähige IT- und Datenplattform aufbauen: 87 % der Leader setzen auf moderne Cloud-Infrastruktur und integrierte Datensysteme
- Robustes AI Governance-Framework installieren: 81 % haben umfassende GRC-Mechanismen implementiert
- Vorbereitung auf die Zukunft der Arbeit: KI wird die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine fundamental verändern – Leader investieren in Talententwicklung und Upskilling
- Geschäftsmodelle für die Agentische Ära neu denken: Leader experimentieren aggressiv mit GenAI und agentischen KI-Systemen
Link zur Studie: „The AI-Powered Investment Firm“
https://www.publicissapient.com/resources/research/ai-powered-investment-firm-report-2025
Paradigma der geführten Autonomie
Autorin: Antoine Kopp, ETH Zürich
Zusammenfassung: Die Autorin – eine studierte Ingenieurwissenschaftlerin, die für Pictet Asset Management im Multi-Asset-Bereich arbeitete – sieht, wie so viele, die Vermögensverwaltungsbranche in einem massiven Umbruch, der unter anderem durch KI, beispiellose intergenerationelle Vermögenstransfers, nachhaltige Investitionen und den Margendruck durch passive Anlageinstrumente entscheidend vorangetrieben werde. In diesem Prozess würden traditionelle Beratungsmodelle zunehmend unter Druck geraten. Als Lösungsvorschlag und Modell der Zukunft stellt Kopp das „Paradigma der geführten Autonomie“ vor. Mit diesem Ansatz beansprucht sie, Erweiterungen der Modernen Portfoliotheorie („steuerlich angepasste Optimierung“) mit Erkenntnissen der Verhaltensökonomie („konstruktive mentale Buchführung“) , Methoden der Kausalanalyse („transparente Kausalität jenseits der Benutzerfreundlichkeit“) und Ansätzen des dynamischen Risikomanagements zu verbinden. Damit soll zugleich die Dichotomie zwischen Robo-Advisors und traditionellen Beratern überwunden werden, was Kopp durch systematische Sichtung einschlägiger Literatur zu demonstrieren versucht. Leitidee dieses integrierten Konzepts sind vermögende Privatkunden als aktive Portfoliogestalter, die durch fortschrittliche Analysemethoden und Expertenberatung unterstützt werden. Dabei müssen u.a. Transparenzherausforderung durch KI adressiert werden. Ein Oberbegriff dabei ist Erklärbare KI, ein anderer „kausales Schließen“ (Inferenz) (siehe auch Artikel „Im Faktor-Zoo – das Gehege der statistischen Fabelwesen“ in dieser Ausgabe).
Die Autorin schreibt: „Obwohl die direkte empirische Validierung noch begrenzt ist, bietet unser Rahmen praxisorientierte Leitlinien für die strategische Positionierung, die Priorisierung von Technologieinvestitionen (einschließlich Algorithmen der Kausalanalyse für taktische Asset-Allokationsprozesse) und die Gestaltung des Kundenerlebnisses in einer Zeit tiefgreifender Branchentransformationen.“
Link zur Studie: The future of wealth management in the era of generational wealth transfer: the guided autonomy framework.